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Vergewaltigungen im Krieg
Seit Jahrhunderten sind Kriege mit Massenvergewaltigungen verbunden. Deutsche Soldaten vergewaltigten während des Zweiten Weltkrieges sowjetische Frauen, sowjetische Soldaten deutsche Frauen. Japanische Soldaten zwangen koreanische, chinesische und taiwanesische Frauen während des Kolonialismus und des Pazifischen Krieges zur Prostitution (die sogenannten "Trostfrauen", "comfort women"). Während des neunmonatigen bengalisch-pakistanischen Krieges 1971 vergewaltigten pakistanische Soldaten Schätzungen zufolge zwischen 200.000 und 400.000 bengalische Frauen. Vergewaltigungen und sexuelle Folter haben während des Vietnam-Krieges wie auch im Jugoslawienkrieg in großem Ausmaß stattgefunden. Man kann davon ausgehen, dass in jedem der momentanen Konfliktgebiete die bewaffnete Auseinandersetzungen mit sexueller Gewalt einhergehen.

Es ist schwierig, das Ausmaß an Vergewaltigungen in Kriegen abzuschätzen, zum einen deshalb, weil repräsentative Zahlen aus aktuellen Konfliktregionen schwer zu ermitteln sind, zum anderen, weil die Frauen infolge der Traumatisierung oder auch aus Angst vor gesellschaftlicher und familiärer Stigmatisierung meist schweigen. Liegen konkrete Zahlen vor, ist ihr repräsentativer Charakter zu bezweifeln, da sie meist von der jeweiligen gegnerischen Partei zusammengestellt und zu Propagandazwecken genutzt werden.

Der Hintergrund: Es gilt heute als erwiesen, dass Vergewaltigungen im Krieg nicht aus der fehlenden sexuellen Befriedigung herrühren: Vergewaltigungen finden auch statt, wenn willige Frauen oder Prostituierte zur Verfügung stehen. Vergewaltigungen im Krieg dienen vor allem den sozialen Bedürfnissen der Vergewaltiger, der Selbstvergewisserung von Männlichkeit und Macht. Da Soldaten im Krieg ständigen Angst- und Ohnmachtgefühlen ausgeliefert sind, dienen Vergewaltigungen dazu, Machtgefühle zurückzugewinnen und Angst abzubauen. In Armeen wird zweckentsprechend ein archaisches Männlichkeitsideal gepflegt, das mit Gewalt und Dominanz verknüpft ist, während Weiblichkeit und "weibliche" Eigenschaften wie Angst und Empathie mit Verachtung betrachtet werden. Mit diesem Männlichkeitsideal sollen sich die Soldaten identifizieren; so beweisen Vergewaltigungen die "Männlichkeit" der Soldaten.

Vergewaltigungen in Kriegen sind nicht erklärbar ohne die latent vorhandene Frauenverachtung der jeweiligen Gesellschaften, die dadurch befördert wird, dass Regeln, die in Friedenszeiten den Ausbruch solcher Gefühle verhindern, in Kriegszeiten außer Kraft gesetzt werden. Massenvergewaltigungen dienen auch der Demoralisierung des Gegners, dem signalisiert wird, dass er nicht in der Lage sei, seine Familien zu beschützen, womit seine (männliche) Identität angegriffen wird. Daher werden sie auch bewusst als Kriegsstrategie eingesetzt bzw. indirekt gefördert und geduldet.

Vergewaltigung und das Völkerrecht
Neben der namentlichen Erwähnung im Rotkreuzabkommen hat die Kriegsvergewaltigung auch als Folter und als Bestandteil der »ethnischen Säuberung« zum Zwecke des Völkermords Eingang ins Völkerrecht gefunden. Nach Art. 1 I des Übereinkommens gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung vom 10. Dezember 1984 ist als Folter jede Handlung zu verstehen, "durch die einer Person vorsätzlich große körperliche oder seelische Schmerzen oder Leiden zugefügt werden, zum Beispiel um von ihr oder einem Dritten eine Aussage oder ein Geständnis zu erlangen, ... oder um sie oder einen Dritten einzuschüchtern oder zu nötigen...". Die Vergewaltigungen im ehemaligen Jugoslawien wurden durchgeführt, sowohl um die Frauen und ihre Angehörigen einzuschüchtern und zu diskriminierenals auch um von ihnen Auskunft über gegnerische Gefechtsstellungen zu erfahren.

Art. 2 der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes vom 9. Dezember 1948 bezeichnet u. a. die "Tötung von Mitgliedern einer Gruppe" oder die "Verursachung von schwerem körperlichen oder seelischen Schäden an Mitgliedern der Gruppe" als Völkermord, wenn diese in der Absicht begangen werden, "eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören".

Die zum Zweck der »ethnischen Säuberung« vorgenommenen Massenvergewaltigungen, die auf die psychische und physische Vernichtung und Demoralisierung der gegnerischen Frauen, Männer und Kinder zielen, müssen nach dieser Definition als Bestandteil des Völkermords aufgefaßt werden. In beiden Abkommen werden die Kriegsvergewaltigungen nicht speziell genannt, sie sind aber so formuliert, daß sie Vergewaltigung durchaus mit einbeziehen. Sie betonen vor allem die psychische und physische Gewalt.

Ursachen der Kriegsvergewaltigung
Neben der auch in Friedenszeiten vorhandenen Gewalt gegen Frauen gibt es weitere Erklärungsmodelle dafür, warum es gerade in Kriegszeiten zu einer Eskalation der Gewalt gegen die weibliche Bevölkerung, namentlich zu brutalen Massenvergewaltigungen, kommt. Dabei spielen die Identifikationsmodelle von Männlichkeit, die die Armeen ihren Soldaten geben, eine wesentliche Rolle.

Lange Zeit stellte der Dienst beim Militär für die jungen Männer eine Art "Reifeprüfung der Mannwerdung" dar. Autorität, Macht, Stärke und Siegeswillen, aber auch die Fähigkeit zu schützen und zu verteidigen, werden als Werte dargeboten, über die sich männliche Identität definiert.
Obwohl sich die Geschlechterverhältnisse in den letzten Jahrzehnten geändert haben, werden im Soldatenberuf noch immer Subjektpositionen bereitgestellt, die Konnotationen von Macht und Herrschaft sowie Erotik und Sexualität aufweisen. Besonders deutlich wird dies in der Sprache, die durch eine Vermengung von Gewalt und Sexualität gekennzeichnet ist: »erobert« wird sowohl im Krieg als auch im Schlafzimmer; der Einmarsch deutscher Truppen in Belgien im Ersten Weltkrieg und der irakische Angriff auf Kuwait 1990 wurden als »Rape of Belgium« bzw. »Rape of Kuwait« tituliert; das Gewehr wird als die »Braut des Soldaten« bezeichnet.
Der Zusammenhang zwischen (sexueller) Gewalt und Männlichkeit in den Armeen zeigt sich auch in den Berichten über Gruppenvergewaltigungen, die von den Amerikanern in Vietnam begangen wurden. Zusätzliche Grausamkeiten am Opfer wurden als Wettbewerb um mehr Männlichkeit aufgefaßt. Susan Brownmiller schildert den Fall eines Soldaten, der sich weigerte, eine Vergewaltigung zu begehen, und infolgedessen von seinem Einsatzleiter als Schwuler und Schwächling bezeichnet wurde. Soldaten, die ihre Kameraden wegen eines solchen Vergehens anzeigten, mußten vor Gericht ihre Männlichkeit in Frage stellen lassen.
Nach Joan Smith geschieht in den Militärorganisationen die Konstruktion von Männlichkeit durch die Minderbewertung »weiblicher« Eigenschaften wie Empathie, Weichheit oder Ängstlichkeit. Die Leugnung dieser Emotionen macht es den Männern fast unmöglich, mit Lust, Angst, Mitleid und Wut reflektiert umzugehen, vielmehr werden diese als Bedrohung der maskulinen Existenz angesehen. Gerade im Krieg, wenn die Männer zu Befehlsempfängern in einer unendlich langen Kette erniedrigt werden und erfahren, wie wenig sie dem übersteigerten Ideal überlegener Männlichkeit entsprechen, kommt es zur Auslösung solcher Gefühle, die dann einen Affekt gegen Weiblichkeit hervorrufen. Das heißt nicht, daß jeder Soldat vergewaltigt, aber "in der Konstruktion des Soldaten sind bestimmte Verhaltensweisen eher als andere angelegt". Ob in einer Extremsituation mit Gewalt reagiert wird, ist davon abhängig, welche Alternativen in einem kulturellen Kontext zur Kanalisierung von Gefühlen zur Verfügung stehen. Häufig greifen die Soldaten zum "kulturell bereitgestellten... Lösungsangebot, für das sie auch noch als Experten ausgebildet sind: der Gewalt, die dann zur spezifisch sexuellen Gewalt gegen Frauen wird".

Motive der Täter
Schon in Friedenszeiten stellt die Vergewaltigung eine Manifestation von Machtverhältnissen dar. Vor dem Hintergrund eines militärischen Konfliktes kommt es zu einer Erweiterung der Bedeutung von Vergewaltigung. Der in Kriegen häufig mobilisierte Beschützermythos der Männer ist in der Regel nicht ein wirkliches Anliegen, die Frauen zu beschützen, trotzdem hat er eine soziale Bedeutung. Für die Männer, deren »Pflicht« es ist, »ihre Frauen« zu beschützen, ist die nichtverhinderte Mißhandlung und Vergewaltigung »ihrer Frauen« einer militärischen Niederlage vergleichbar, wird als eine persönliche Demütigung empfunden. Die Frauenkörper werden damit zu Orten des Austauschs männlicher Botschaften. Ein Beispiel für diese Kommunikationsfunktion von Mann zu Mann sind die im ehemaligen Jugoslawien begangenen Rücktransporte von vergewaltigten Frauen. Diese wurden im siebten oder höheren Schwangerschaftsmonat über die feindlichen Linien zurückgeschickt - in Bussen, die meist zynische Aufschriften über die zu gebärenden Kinder enthielten.

Die Frau als Bestandteil der gegnerischen Kultur zerstören
Massenvergewaltigungen während der militärischen Auseinandersetzungen in diesem Jahrhundert geben Anlaß zu der Vermutung, daß dahinter eine ganz bewußte militärische Strategie steckt, daß die Zerstörung der gegnerischen Kultur, für die die Frau wegen der »Reproduktionsfähigkeit« eine besondere Bedeutung einnimmt, gezielt zerstört werden soll. Im Zweiten Weltkrieg zwang nicht nur die japanische Armee Tausende Koreanerinnen in die sexuelle Sklaverei, es gab auch deutsche Kriegsbordelle, in die Frauen zwangsweise hineingetrieben wurden. 1943 wurde den zu der Restarmee Frankreichs gehörenden marokkanischen Söldnertruppen explizit zugestanden, auf Feindesgebiet zu plündern und zu vergewaltigen, was zu ausgedehntem Mißbrauch von Frauen in Italien führte, und am Ende das Krieges standen massenhafte Vergewaltigungen durch die Rote Armee im Raum Berlin.

Während des Bürgerkrieges in Bangladesch 1971/72 wurden etwa 200 000 Frauen vergewaltigt. Ein indischer Schriftsteller war damals davon überzeugt, "daß es sich um ein geplantes Verbrechen gehandelt hat. Es ist derart systematisch und flächendeckend vergewaltigt worden, daß nur bewußte militärische Taktik dahinterstecken kann." Er nahm an, daß mit den Vergewaltigungen eine neue Rasse geschaffen und das bengalische Nationalgefühl ausgelöscht werden sollte. Die Vergewaltigungen im ehemaligen Jugoslawien richteten sich offensichtlich gegen die Fortpflanzungsfähigkeit besonders der bosnischen Bevölkerung. Junge Frauen starben an den körperlichen und seelischen Folgen der Vergewaltigungen, die Überlebenden sind häufig so stark traumatisiert, daß sie keine Kinder mehr gebären werden. Vor dem Hintergrund dieser Beispiele müssen Massenvergewaltigungen nicht als planlose Gewalteruptionen in Extremzeiten, sondern als militärische Strategie und damit zu den Spielregeln des Krieges zugehörig betrachtet werden.

Die Frau als Objekt der Propaganda
Hilfestellung durch die offiziellen Vertreter »ihrer« Gruppe können die Frauen meist ebenfalls nicht erwarten, vielmehr müssen sie damit rechnen, zum Objekt der Kriegspropaganda zu werden. Durch die Mobilisierung des Beschützermythos kann die Präsentation der mißbrauchten Frauen zur Steigerung der Kampfbereitschaft der eigenen Soldaten dienen. Unter dem Vorwand, »ihre« Frauen vor der Schändung zu bewahren, werden die Männer zum Kampf gegen den Feind motiviert. Aber auch nicht direkt betroffene Staaten profitieren von solchen Greueltaten. Hanne-Magret Birckenbach geht davon aus, das die Grausamkeiten an der Zivilbevölkerung generell der Rechtfertigung militärischer Interventionen und der Fortsetzung des Rüstungsgeschäftes dienen, besonders wenn diese in der Öffentlichkeit umstritten sind.
Besonders instrumentalisiert werden die Frauen, wenn sie durch die Vergewaltigungen schwanger geworden sind. Die Frauen sehen sich dann Anfeindungen und Anmaßungen ihrer eigenen Gruppe ausgesetzt, weil sie ein Kind des Feindes in sich tragen. Ruth Harris beschreibt den Fall französischer Frauen aus dem Ersten Weltkrieg, die durch die Vergewaltigung deutscher Soldaten schwanger geworden waren. Vertreter der Katholischen Kirche forderten öffentlich, die Kinder zur Erhaltung der französischen Kultur abzutreiben.

Kirsten Poutrus schildert ähnliche Vorgänge in Deutschland am Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Erlaß über die "Unterbrechung der Schwangerschaften, die auf eine Vergewaltigung der Frau durch Angehörige der Sowjet-Armee zurückzuführen sind", sollte den Frauen Möglichkeiten einer schnellen und unbürokratischen Abtreibung eröffnen. Ziel war es aber nicht, den Betroffenen zu helfen, denn dieses Angebot bezog sich nur auf unerwünschte Kinder, die nach der NS-Ideologie als rassisch minderwertig zu betrachten waren. Hingegen sollten die Frauen ihre Kinder austragen, wenn sie von Deutschen und Westallierten mißbraucht worden waren.

Internationale Beispiele zum Thema "(Massen)Vergewaltigung als Kriegsmittel":
Während der siebenmonatigen Besatzung Kuwaits durch den Irak wurden ca. 5.000 Mädchen und Frauen mehrfach vergewaltigt. Die dabei geschwängerten Frauen werden von ihren männlichen Familienmitgliedern verstoßen und traktiert. Die Auslegung des Islam verhindert jedoch eine Abtreibung, wenn das Leben der Mutter nicht in Gefahr ist. Privilegiertere Frauen nehmen deswegen Abtreibungen im Ausland vor. Frauen, die den Terror gegen sie nicht länger ertragen, nehmen sich das Leben...

In der indonesischen Unruheprovinz Aceh an der Nordspitze der Insel Sumatra bekämpft das indonesische Militär eine moslemische Unabhängigkeitsbewegung. Seit 1988 wurden dort mindestens 781 Menschen ermordet. 368 Fälle von Folterungen wurden bekannt. 102 Mädchen und Frauen wurden vergewaltigt. Indonesiens Armeechef General Wiranto entschuldigte sich Anfang August 1998 für die Grausamkeiten, die die Regierungstruppen angerichtet hatten.

Seit August 1998 kam es in der Demokratischen Republik Kongo zu bewaffneten Kämpfen zwischen den Streitkräften von Präsident Laurent-Desire Kabila und der Rebellenallianz RCD und deren Verbündete. Beide Seiten haben sich viele Verstöße gegen unbewaffnete Zivilistinnen und Zivilisten schuldig gemacht. Tausende sind Massakern zum Opfer gefallen, viele andere wurden entführt, gefoltert oder illegal inhaftiert. Viele Opfer gehören zum Stamm der Tutsi. Frauen und Mädchen wurden als gezieltes Mittel der Kriegsführung vergewaltigt worden.

Bei den Massenmorden an Tutsi in Ruanda sind 1994 auch systematische Vergewaltigungen begangen worden. Die Täter waren Angehörige der Volksgruppe der Hutu. Sie setzten die sexuelle Gewalt an Tutsi-Frauen als Form der Folter ein: "Wir werden dich vergewaltigen, bis du stirbst oder ein Hutu-Baby gebierst".

Von Frühjahr bis Herbst 1992 gehörten (Massen)Vergewaltigungen an vorrangig muslimischen Frauen zur Strategie bosnisch-serbischer Kriegsführung. Mädchen und Frauen im Alter von 12 bis 60 Jahren wurden vergewaltigt, mit Gewehrläufen und Flaschen penetriert sowie mit brennenden Zigaretten gefoltert. Bosnisch- serbische Soldaten, Polizisten und Paramilitärs wurden angeklagt, Frauen in bewachten Gebäuden, getrennt von ihren Kindern, festgehalten und allabendlich vergewaltigt zu haben. Frauen wurden bei Verhören vergewaltigt, Frauen wurden in Appartements eingesperrt, die als Bordelle dienten. Frauen wurden wie Sklavinnen verkauft.

Im März 1998 mußte sich erstmals ein Kriegsverbrecher vor einem internationalen Gericht wegen Massenvergewaltigungen verantworten. Der bosnische Serbe Dragoljub Kunarac (37) hielt lt. Anklageschrift 1992 als serbischer Militärkommandant mindestens 14 moslemische Mädchen und Frauen monatelang wie "Sklavinnen" gefangen. Fast täglich wurden sie vergewaltigt, zum Teil von 15 Männern hintereinander und "auf jede denkbare Art". Die jüngsten Opfer sollen 12 Jahre alt gewesen sein. Ein Teil der Mädchen und Frauen habe Selbstmord begehen wollen. Sie sind heute traumatisiert. Nach den Erkenntnissen der Anklage wurden die Massenvergewaltigungen auf Befehl der Führung der bosnischen Serben unter Radovan Karadzic als Mittel der Kriegsführung eingesetzt.